Lucy 1.6

VI

Es war schon sehr spät, als er zu Ana zurückkehrte. Zuerst hatte er überlegt einfach in einer der Hütten, in der die Cowboys während ihrer Schichten wohnten, zu schlafen. Aber das hätte die Situation auch nicht verbessert. Er hatte den ganz Weg über nur an eine Sache denken können: Sie war frei! Ihr Mann war tot. Und obwohl er wusste, dass er eigentlich ihre Trauer teilen sollte, war er doch froh darüber, denn das bedeutete, dass er sie ganz für sich haben konnte. Als er an der Haustür ankam wurde er aus seinen Fantasien gerissen. Sie trauerte noch um ihren Mann. Und wer sagte schon, dass sie jemals etwas für ihn empfinden würde? Außerdem war da noch Ana. Ana…Er musste seinen Gedanken unbedingt unter Kontrolle bekommen, sonst würde sie den Braten sofort riechen. Leise schlich er sich in die Wohnung, in der Hoffnung, dass sie schon schlief und das Theater morgen schon wieder vergessen sein würde.

Plötzlich ging das Licht im Wohnzimmer an.

„Wo schleichst du dich denn hin?“ Ihre Stimme durchschnitt eisig die Stille. Er blieb wie angewurzelt stehen und blickte sich um. Da saß sie. Wutschnaubend und schöner und feuriger wie jemals zu vor. Blitze schossen aus ihren Augen und durchbohrten ihn.

„Dave erzählt, dass zwischen dir und der kleinen auf der Ranch, über die alle reden was läuft.“ Sie war aufgestanden und kam auf ich zu. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Er musste unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Das Thema war heikel, ein falsches Wort konnte das Fass zum Überlaufen bringen.

„Mensch Ana…Du weißt doch, wie Dave ist…Wir haben uns neulich in der Bar getroffen und er hat angedeutet sie flachlegen zu wollen und weil ich an dem Tag sowieso schlechte Laune hatte, habe ich ihm deutlich gemacht, dass er die Finger von ihr lassen soll.“

Misstrauisch blickte sie ich an. „Und warum juckt es dich so, dass er die Kleine ins Bett bekommen will. Ich meine diese Nummer zieht er doch bei allen ab.“

Müde rieb er sich die Augen. „Ana…Du kennst sie nicht. Sie braucht einfach jemanden, der ein bisschen auf die aufpasst.“

Abfällig schnaufte sie durch die Nase. „Und dieser jemand bist jetzt du oder was? Na super…“ Sie ging an ihm vorbei ins Schlafzimmer. Er folgte ihr und stieg vorsichtig zu ihr unter die Decke, sog ihren Duft durch die Nase ein und zog sie an sich. Anfangs wehrte sie sich, wurde aber unter seinen sanften Küssen im Nacken und auf den Schultern nachgiebiger. Er glaubte schon, sie besänftig zu haben, als sie leise fragte: „Und was war heute Abend so wichtig, dass du auf der Ranch bleiben musstest?“

„Scht…“, er legte ihr sanft den Finger auf den Mund um sie zum Schweigen zu bringen.

„Ich war zum Abendessen eingeladen, und danach haben wir uns ein wenig festgequatscht, aber das habe ich dir doch schon am Telefon erklärt.“ Er wanderte mit seinem Mund über ihr Schlüsselbein und arbeitete sich immer weiter nach unten, schob langsam ihr Nachthemd nach unten liebkoste ihre Brust mit seiner Zunge. Sie stöhnte lustvoll und ihr Oberkörper bäumte sich leicht auf. Sie schlang ihre Beine um seinen Körper und für eine Nacht war alles wieder wie am Anfang.

 

Lucy 1.5.5

Leise öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Sie lag ganz friedlich da und schlief. Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante und schaute der Kleinen eine Zeit lang beim Schlafen zu. Ihr Gesicht wurde von den langen braunen Haaren umrahmt und sie hatte wegen der Wärme die Decke weggestrampelt. Behutsam zog sie die Decke wieder ein wenig nach oben und streichelte ihr liebevoll über das Haar. Sie wollte gerade in Gedanken anfangen das gewohnte Segensgebet zu sprechen, als die Kleine ihre Augen aufschlug und sie mit großen Augen ansah.

„Hey meine Süße. Mommy und Daddy sind wieder zuhause.“ Sie rieb sich verschlafen die Augen und gähnte herzhaft.

„Sollen wir noch zusammen beten?“ Sie nickte.

„Lieber Herr Jesus wir danken dir, dass wir ein weiches Bett zum Schlafen haben und, dass du jede Nacht auf uns aufpasst, wenn wir schlafen. Schenkt du auch Olivia schöne Träume und lass sie morgen gesund und munter wieder aufwachen.“ Sie machte eine kurze Pause und wollte gerade das ‚Amen.‘ anfügen, doch Olivia kam ihr zuvor.

„Und bitte mach lieber Gott, dass Lucy sich wieder mit ihrem Freund verträgt und er ihr wieder sagen kann, wie lieb er sie hat. Amen.“

Sie drehte sich auf die Seite und kuschelte sich unter die Decke. Grace blickte sie verwundert an, sagte aber nichts, sondern gab ihrer Tochter noch einen Kuss auf die Stirn und ging in ihr Schlafzimmer.

Logan lag schon im Bett und las noch in einer Zeitschrift, irgendwas über Ranches. Schnell schlüpfte sie in ihr Nachthemd und kuschelte sich an seine starke Schulter. Eine Weile lag sie einfach nur schweigend neben ihm und ließ den Abend Revue passieren.

Es war wunderschön gewesen. Sie waren gemeinsam in den Sonnenuntergang geritten, hatten viel geredet und gelacht und herumgealbert wie zwei Teenager. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so unbeschwert gefühlt. Zu diesem Zeitpunkt war sie vollkommen glücklich gewesen. Logan hatte Recht gehabt. Lucy war ein Geschenk des Himmels gewesen, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.

Doch nach Olivias Gebet waren ihr wieder Zweifel gekommen. Lucy musste der Kleinen etwas erzählt haben und das beunruhigte sie. Noch immer hatte sie keinen blassen Schimmer, wer Lucy war und woher sie kam. Was hatte sie vor? Als sie hier ankam war sie psychisch ein gebrochener Mensch gewesen. Doch in den letzten Wochen schien sie sich erholt zu haben. War aufgeschlossener und fröhlicher geworden. Der dunkle Schatten vor ihren Augen war seltener geworden. Lucy hatte sich eindeutig zum Positiven verändert.

Kapitel 5

V

Am Sonntagmorgen fuhren wir zur Kirche. Grace und Logan hatten mich am Abend eingeladen sie zu begleiten und Olivia hatte mich geradezu gedrängt. Schließlich hatte ich eingewilligt. Ich war ein wenig nervös. Es war schon eine Zeit her, dass ich das letzte Mal einen Gottesdienst besucht hatte. Außerdem kannte ich niemanden außer natürlich Pfarrer Brown. Neugierig starrten mich alle Besucher an, als wir die Kirche betraten und ich hinter Grace und Logan den Gang entlang lief. Einige Frauen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. Verunsichert blickte ich auf den Boden.

Plötzlich griff eine kleine zarte Hand nach meiner. Ich schaute zur Seite und blickte in Olivias aufmunterndes Gesicht. Für eine vierjährige war sie unglaublich sensibel. Dankbar lächelte ich sie an und wir setzten uns in eine Reihe in der vorderen Hälfte. Ich erinnerte mich an meinen ersten Abend, den ich allein in dieser Kirche verbracht hatte. Unmöglich, dass das erst eine Woche her war. Es kam mir vor, als sein seit dem eine Ewigkeit vergangen. Zu Beginn sang der gemischte Chor, der an jenem Abend geprobt hatte.

„Amazing Grace, how sweet the song, that saved a wretch like me. Ohh, I once was lost, but now I’m found, was blind but now I see…“

Wie auch beim letzten Mal traten mir wieder Tränen in die Augen. Verstohlen wischte ich sie mir aus den Augenwinkeln.

Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren!, sagte ich mir. Von der Predigt bekam ich nicht viel mit. Das Lied ließ mich einfach nicht los. Nach dem Gottesdienst wurde noch Kaffee und Kuchen in einem Nebengebäude angeboten. Ehe ich mich versah, waren Grace und ich von einer Traube neugieriger Frauen umlagert.

„Ah Grace meine Liebe! Wie schön dich zu sehen!“, rief eine kleine etwas mollige Frau im die 50 aus. „Wie ich sehe habt ihr Besuch?! Verwandschaft…?“

Ich wusste nicht was ich erwidern sollte. Ich konnte ihren Durst nach dem neusten Klatsch und Tratsch förmlich spüren und hatte nicht die geringste Lust das Subjekt ihrer Begierde zu sein. Grace kam mir mit einer Antwort zuvor.

„Mrs Baxter! Darf ich vorstellen? Lucy Garcia. Sie unterstützt mich in Haus und Garten, damit ich ein bisschen mehr Freizeit habe und mich mehr der Büroarbeit widmen kann.“ Ich bewunderte sie für ihren gelassenen freundlichen Tonfall.

„Oh dann ist sie eure Angestellte?“, fragte Mrs Baxter mit einem leicht missbilligendem Ton, als wolle sie in Wirklichkeit sagen: „Wie? Du bringst deine Haushälterin mit in die Kirche?!“

Die Frau wurde mir von Sekunde zu Sekunde unsympathischer. Ich bemühte mich jedoch weiter um ein Lächeln, denn ich wollte Grace auf keinen Fall in Verlegenheit bringen.

„Nun, wenn sie es so ausdrücken wollen…“, sprach Grace liebenswürdig weiter. „Aber ich betrachte sie eher als eine gute Freundin. Meine Schwestern leben ja leider alle sehr weit weg, sodass wir alle uns nur selten sehen. Ich finde es ganz nett zwischendurch auch mal mit einer Frau reden zu können. Bei uns ist ja sonst alles eher von Männern geprägt.“

Ich konnte es nicht fassen. Jetzt zwinkerte sie der falschen Schlange sogar noch verschwörerisch zu. Wie machte sie das bloß? Aber anscheinend, hatte sie dadurch die gute Mrs Baxter sichtlich verunsichert und ihr den Wind aus den Segeln genommen. Sie murmelte nur noch etwas von wegen: „Wenn sie meinen…“ und „Ich muss los…“ und weg war sie.

Auf dem Weg zurück zur Ranch hielten wir beim Mexikaner an und nahmen Essen zum Mittag mit. Grace hatte keine Lust zum Kochen und meinte, das man sich zwischendurch ruhig mal was gönnen durfte. Ich war froh, als wir endlich in der kühlen Küche saßen und unsere Burritos und Tacos verdrückten. Beim Essen drehte sich das Gespräch nur um das bevorstehende Rodeo. Ich erfuhr, dass es in Fort Worth stattfinden würde, westlich von Dallas, gute fünfeinhalb Stunden mit dem Auto.

„Und wo werden wir schlafen?“, fragte ich erstaunt. Ich dachte das Rodeo wäre in der Nähe und wir würden einfach jeden Tag hin und zurück fahren.

„In einem Hotel.“, antwortete Logan. „Und die Cowboys, die mitkommen und starten schlafen im Wohnwagen.“

„Das wäre doch wirklich nicht nötig!“, warf Grace ein. „Wir können doch auch gut so wie sonst im Wohnwagen schlafen.“

Logan warf ihr einen strengen Blick zu. „Mit einem kleinen Kind und einer schwangeren Frau? Wohl kaum. Außerdem bräuchten wir dann noch einen dritten für Lucy, oder soll sie mit den ganzen Männern zusammen schlafen?“ Keine schöne Vorstellung.

„Ich schlaf bei Liam!“, verkündete Olivia, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Grace lachte.

„Das hättest du wohl gerne junges Fräulein.“

Sie schaute zu Logan. „Okay du hast ja Recht. Es ist halt nur schwer zu ertragen, dass wir keine zwanzig mehr sind…“ Er grinste sie spitzbübisch an.

„Du wirst die Vorzüge des Hotels nicht missen wollen!“, versicherte er ihr. Ich staunte immer wieder, wie liebevoll die beiden miteinander umgingen, wie frisch verliebte. Niemand würde denken, dass sie schon seit sechs Jahren verheiratet waren. Ich hatte noch nicht einmal mitbekommen, dass die beiden sich ernsthaft gestritten haben…oder sie machten es einfach heimlich. Auf mich wirkten sie wie die perfekte kleine Familie ohne Sorgen und Probleme. Ich dachte immer so etwas würde es nur im Film geben.

Da ich Liam in der ganzen nächsten Woche nicht sah fragte ich schließlich Grace nach dem Reiten. Sie sprach mit Logan und der mit einem Cowboy und so kam es, dass ich nächsten Samstag meine erste Reitstunde im Westernsattel hatte. Der Cowboy stellte sich mit „Joe“ vor und war bestimmt schon sechzig Jahre alt. Er trug einen grauen Schnauzbart und zwinkerte die ganze Zeit lustig mit den Augen.

Wir sattelten zusammen eine schwarze Quarter-Horse Stute namens Jody. Joe erzählte die ganze Zeit über lustige Geschichten aus seinen Jahren als Cowboy und ich war froh, dass er mich nicht ausquetschte wie so viele andere Leute.

„So, junge Lady jetzt mal ab aufs Pferdchen mit dir.“, sagte er schließlich als wir draußen im Roundpen angelangt waren. Ich stellte den linken Fuß in den Steigbügel, so wie ich es kannte und schwang mich auf Jodys Rücken. Sie stand ganz still und bewegte sich keinen Zentimeter.

Die meisten Pferde, die ich zuhause geritten war, hatten die schlechte Angewohnheit gehabt schon während des Aufsteigens loszulaufen. Aber anscheinend war Jody besser erzogen, oder ihr war es einfach zu warm.

Am Gatter entdeckte ich Olivia. Sie schaute durch die Latten und hielt mir den ausgestreckten Daumen hin.

„Super Tante Lucy!“, rief sie und klatschte begeistert in die Hände. Joe zeigte mir noch, wie ich die Zügel richtig hielt, dann gab er dem Pferd einen Klaps auf das Hinterteil und Jody setzte sich gemütlich in Bewegung. Wir drehten ein paar Runden und ich gewöhnte mich langsam an den Westernsattel. Langsam fing ich an zu traben und Joe korrigierte hin und wieder meinen Sitz. Es war ein ungewohntes Gefühl, denn die Steigbügel waren viel länger als beim Dressur- oder gar Springreiten. Aber für den Anfang lief es ganz gut. Ich saß ziemlich gemütlich und sicher in dem breiten Sattel und Jody lief brav vorwärts.

Olivia klatschte Beifall, als ich schließlich mich aus dem Sattel schwang. Plötzlich wurde das Klatschen lauter und kräftiger. Ich drehte mich um und auf einmal stand Liam am Gatter, Olivia war auf seinen Arm gesprungen. Sie kamen zum Ausgang. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Wie immer konnte ich seinen Gesicht nicht entnehmen, was er gerade dachte. War er sauer oder enttäuscht, dass ich nicht mit ihm geritten war oder war es ihm egal? Joe klopfte mir zum Abschied auf die Schulter.

„Hat doch gut geklappt.“, sagte er schmunzelt. „Ich werde Logan sagen, dass man dich auf die Pferde loslassen kann.“ Leiser fügte er hinzu: „Lass dich nicht unterkriegen!“

Dann verschwand er. Zum Gruß lüfteten er und Liam den Hut und nickten einander zu. Langsam ging ich auf den Ausgang zu.

Jetzt ritt sie also mit Joe. Warum hatte Logan nicht ihn gefragt? Warum hatte sie ihn letzte Woche versetzt? Eigentlich wollte er gar nicht stehen bleiben, aber Olivia hatte ihn entdeckt. So blieb ihm keine andere Wahl. Sie machte keine schlechte Figur auf dem Pferd. Langjährige Erfahrung hatte sie auf jeden Fall. Ihr Sitz war anmutig und geschmeidig. Ihre Hilfengebung kaum sichtbar. Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und fielen ihr wild ins Gesicht. Sie sah wunderschön aus. Als sie  näher kam strich sie sich verlegen die Haare aus dem Gesicht.

„Hi…“, sagte sie zögernd.

„Lucy du warst superklasse. Du kannst jetzt auch beim Rodeo mitreiten. Zusammen mit Liam!“, rief Olivia begeistert. Lucy wuschelte der Kleinen liebevoll durch die Haare.

„Na wir wollen es ja nicht gleich übertreiben.“, erwiderte sie schmunzelnd.

„Nicht schlecht!“, sagte er anerkennend. „Ich dachte schon du könntest gar nicht reiten.“ Herausfordernd sah er sie an.

„Wieso denn das?“, fragte sie pikiert.

„Na, weil du mich letzte Woche einfach versetzt hast.“

Sie schnitt eine Grimasse.

„Sorry, das war nicht geplant…“

Er nickte. „Du kommst mit zum Rodeo?“ Jetzt nickte sie.

Dann ging sie weiter mit Jody in den Stall. Er folgte ihr, Olivia ging zurück zum Haus. Das Gespräch der beiden langweilte sie.

„Worin trittst du denn an?“, fragte sie ihn und schaute ihm kurz in die Augen.

„Tie- down Roping und wild horse race.“, antwortete er und freute sich über ihr Interesse. „Das ist sowas wie Kälberfangen und Wildpferd reiten.“, fügte er grinsend hinzu. Sie lächelte ihn dankbar an. Wie schön sie aussah, wenn sie lächelte.

„Du solltest öfters lächeln.“, sagte er leise und kam einen Schritt näher zu ihr.

„Warum?“, fragte sie erstaunt und begann das Pferd abzusatteln.

„Weil es schön aussieht.“ Er kam noch einen Schritt näher und als sie sich umdrehte standen sie direkt voreinander. Sie blickte ihn aus ihren großen braunen Augen an. Vorsichtig streckte er seine Hand aus, um ihr eine widerspenstige Locke hinter die Ohren zu schieben. Als seine Hand leicht ihre Wange streifte zuckte sie zurück und machte sich wieder am Pferd zu schaffen.

Der Moment war vorbei. Enttäuscht machte sich Liam an dem Sattelzeug zu schaffen. War er zu weit gegangen? Er wusste schließlich gar nichts von ihr…Aber da war doch eindeutig wieder diese Spannung zwischen ihnen gewesen. Das bildete er sich doch nicht bloß ein. Schweigend räumten sie alles weg.

Plötzlich fragte sie: „Hast du heute Abend schon etwas vor?“

Erstaunt blickte er sie an. Er hatte ja mit vielem gerechnet, aber damit bestimmt nicht. Was hatte sie nur vor?

„Weiß nicht…Ich habe den Abend frei.“, entgegnete er zögernd. Eigentlich war er mit Ana fürs Kino verabredet. Warum sagte er das nicht einfach. Es war doch nichts Schlimmes. Er hatte eine Freundin und sie einen Ehemann. Kein Geheimnis.

„Bleib doch hier zum Essen. Wir könnten nachher Olivia zusammen ins Bett bringen. Sie liebt dich…“, während sie das sagte, lachte sie leise.

„Logan und Grace könnten sich einen schönen Abend dann mal machen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.“

Unsicher schaute sie ihn an. War sie zu weit gegangen? Sein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Sie wollte Zeit mit ihm verbringen! Er musste Grinsen.

„Klar wieso nicht? Wenn das für die beiden okay ist…“ Sie strahlte ihn an.

„Bestimmt! Also 20 Uhr wie immer.“ Sie drehte sich zum Abschied nochmal um, dann ging sie rüber ins Haus.

„He was grinst du denn so verknallt durch die Gegend?“ Ehe er sich versah hatte er einen Ellbogen zwischen den Rippen. Schnell versuchte er ein ernstes Gesicht zu machen, doch es gelang ihm nicht richtig.

„Ich wurde gerade heute Abend zu euch zum Essen eingeladen, Kumpel! Von der heißesten Frau auf der ganzen Ranch.“, gab er an.

„Wie sprichst du denn von meiner Frau?“ Logan spielte den Entsetzten. „Ne ne nicht von deiner Frau…“, frotzelte Liam weiter.

„Na, meine Tochter ist ja wohl noch in bisschen jung um sie als heiß zu bezeichnen…“, drohte Logan ihm.

„Witzbold! Ich rede von Lucy.“, löste Liam auf.

„Ach die…Die kannst du ganz für dich haben…“, gelangweilt verdrehte Logan die Augen.

Als ich am Haus ankam hätte ich mich am liebsten geohrfeigt. Was Hatte ich mich nur dabei gedacht Liam zum Essen einzuladen? Es war doch nicht mein Haus und außerdem hatte er eine Freundin! Nur, weil mein Leben in Trümmern lag, musste ich doch nicht auch noch das von anderen zu zerstören. Kleinlaut betrat ich dich Küche.

„Hey ich habe gehört die Reitstunde lief gut? Warum ziehst du denn so ein Gesicht?“, begrüßte Grace mich. Olivia schien ihr schon alles berichtet zu haben.

„Ja alles supi.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln. „Du? Ich habe Liam zum Essen eingeladen. Ich dachte, dass wir dann später Olivia ins Bett bringen könnten, damit ihr mal den Abend genießen könnt. Aber das war eine dumme Idee. Es tut mir leid, ich hätte erst Fragen sollen. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht…“ Ich plapperte wie eine Verrückte, bis Grace mich lachend unterbrach.

„Hey, hey. Ist ja gut! Ich finde das ist eine schöne Idee von dir. Dann können Logan und ich heute Abend mal wieder zusammen ausreiten gehen.“ Sie strahlte mich an.

Anscheinend hatte ich mir ganz umsonst Sorgen gemacht. Sie schien von der Idee begeistert zu sein. Erleichtert ließ ich mich auf einen Stuhl fallen.

„Okay dann helfe ich dir jetzt beim Essen machen.“, sagte ich entschieden.

„Wenn ich schon einfach Gäste einlade…Was soll es denn geben?“ Belustigt schaute Grace mich an.

„Was ist denn los?“, fragte ich verwirrt.

„Naja ich habe dich einfach noch nie so viel auf einmal reden gehört.“ Sie lachte.

Hmm.

War das jetzt gut oder schlecht? Nic hatte auch immer behauptet ich würde reden wie ein Wasserfall. Wurde ich etwa langsam wieder die alte Lucy? Mit einem Mal hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich sollte mich nicht so amüsieren, sondern trauern. Aber hätte er es nicht so gewollt, dass ich nochmal neu anfange und wieder glücklich werde?

Grace riss mich aus meinen Gedanken.

„Ich würde sagen du gehst erstmal duschen und dann gucken wir weiter.“

Sie zwinkerte mir zu und ich verschwand nach oben. Ich hatte gelernt ihr nicht zu widersprechen. Auf der einen Seite, weil sie älter war, auf der anderen Seite, weil sie sowieso immer ihren Kopf durchsetzte.

Nach dem Duschen zog ich mir frische Shorts und eine luftige Bluse an, die am Ausschnitt leicht mit Spitze besetzt war. Ausnahmsweise föhnte ich mir die Haare, sodass sie mir in weichen Locken über die Schultern fielen und nicht so wild aussahen wie sonst.

Danach rannte ich schnell die Treppe runter und half Grace und Olivia noch schnell beim Salat schnippeln. Das Essen verlief relativ ruhig. Liam alberte die meiste Zeit mit Olivia herum, Grace und Logan redeten leise miteinander und ich genoss das Gefühl ein klitzekleiner Teil dieser Familie zu sein.

Als wir fertig waren verabschiedeten Grace und Logan sich und machten sich auf zum Stall um die Pferde zu satteln. Olivia, Liam und ich begannen den Tisch abzuräumen, als plötzlich sein Handy klingelte. Als er nachsah, wer ihn anrief verdunkelte seine Miene sich und er ging auf die Terrasse. Ich hörte ihn nur noch sagen: „Hi, was gibt’s?“

Er klang nicht besonders freundlich, eher abweisend aber mit einer Spur von schlechtem Gewissen. Ich beobachtete ihn durch die Terrassentür. Er ging gestresst auf und ab und gestikulierte wild, während er sprach. Olivia sah abwechselnd von mir zu ihm und zog die Nase kraus, als würde sie sagen wollen: „Erwachsene…!“

Ich hob sie auf meinen Arm und meinte: „Komm, ich bring dich ins Bett!“ Sie schlang die Arme um meinen Hals und sah mich flehend an: „Oh bitte Tante Lucy noch nicht! Ich bin noch gar nicht müde…“

Währenddessen gähnte sie ausgiebig und kicherte.

„Jaja…“, erwiderte ich. „Und was war das gerade?“

Wir gingen nach oben. „Aber du musst mir noch was vorlesen. Daddy liest mir immer vor.“

„Alles klar, aber erst gehst du Zähneputzen.“ Sie verzog das Gesicht. „Warum muss man ständig Zähne putzen? Das macht keinen Spaß…“, maulte sie. Ich lachte.

„Damit du, wenn du so alt bist wie dein Opa immer noch ein Steak essen kannst.“ Als sie endlich fertig war schlüpften wir gemeinsam unter ihre Decke und sie gab mir ein Buch.

„Weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab?“, las ich vor und schmunzelte. Das Buch hatte mir meine Mama früher auch vorgelesen. Ich schlug die erste Seite auf und fing an zu lesen.

Als wir an der Stelle „…bis zum Mond und wieder zurück…“ ankamen traten mir die Tränen in die Augen. Ich versuchte sie unauffällig wegzuwischen, doch vor Olivia konnte man einfach nichts verstecken. Sie war so ein aufmerksames sensibles Kind. Ihre Augen wurden ganz groß und kugelig.

„Aber warum weinst du denn? Das ist doch ein schönes Buch.“ Ich schniefte und versuchte zu lächeln. „Das stimmt.“ Sie sah nicht überzeugt aus.

„Aber warum musst du dann weinen? Man weint nur, wenn man traurig ist oder etwas weh tut.“

Schlaues Kind.

„Nun, weißt du, es gab mal jemanden, den ich sehr lieb hatte und der hat auch immer zu mir gesagt ‚Ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück‘ und daran musste ich gerade denken.“

Verwirrt schaute sie mich an. „Aber das ist doch nicht traurig, wenn das jemand zu dir sagt…“

Ohman. Wie sollte ich ihr das nur erklären? Versuchte ich gerade wirklich mit einer vierjährigen über die Liebe, das Leben und den Tod zu reden? Bestimmt keine gute Idee.

„Hmm da hast du Recht. Weißt du ich glaube ich weine, weil ich traurig bin, weil ich weiß, dass diese Person das nie wieder zu mir sagen wird.“ Konnte das ein Kind nachvollziehen? Eher nicht.

„Aber wieso denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“ Puh das wurde immer verworrener.

„Ja…“

„Dann müsst ihr euch wieder vertragen!“, unterbrach mich Olivia stolz. „Das hat Mama gesagt. Wenn man sich streitet muss man ‚Entschuldigung‘ sagen und dann hat man sich wieder lieb.“

Ich merkte, wie ein riesen Kloß in meinem Hals wuchs, der immer größer wurde. Ich schluckte und versuchte tapfer zu nicken. Ich wollte ihr nicht sagen, dass es im Leben manchmal zu spät dafür ist, dass man manchmal Chancen verpasst und, dass Erwachsene einfach zu stolz und zu stur sein können. Sie hatte so einen perfekten kindlichen Glauben an das Gute und Vollkommene. Wie gerne würde ich diesen Glauben wieder haben. Den Glauben, dass wieder alles gut werden würde. Doch ich konnte nicht mehr. Ich nahm sie ganz feste in den Arm und streichelte über ihren Kopf und weinte so leise vor mich hin. Sie kuschelte sich einfach an mich.

„Lieber Gott. Bitte mach, dass Tante Lucy sich wieder mit ihrem Freund verträgt und sie sich wieder lieb haben. Bitte mach, dass sie nicht mehr traurig sein muss. Amen.“

Ein einfaches Kindergebet, doch ich spürte, wie sich etwas Warmes in meiner Brust ausbreitete und der Kloß in meinem Hals langsam verschwand.

„Danke, du bist mein kleiner Engel, weißt du das? Du machst mich froh.“ Zum Abschied gab ich ihr einen Kuss auf die Wange.

„Schlaf gut und träum etwas supermegaelefantastisches!“

Sie kicherte. „Was ist das denn für ein Wort?“

Ich grinste. „Find es heraus.“

Leise schloss ich die Tür und ging nach unten. Im Flur schaute ich in den Spiegel. Na super! Ich sah total verheult aus. Hatte ich mich gerade wirklich an einer vierjährigen ausgeheult? Wie tief konnte man sinken? Ich wusch mir in der Küche das Gesicht mit eiskaltem Wasser, in der Hoffnung, dass die Spuren der Tränen verschwinden würden und ging dann nach draußen auf die Terrasse.

Liam beendete gerade sein Telefonat mit einem gereizten: „Ja bis später.“

Mit wem hatte er so lange telefoniert? Er drehte sich um uns sah ziemlich erschöpft aus.

„Sorry, es sollte nicht…Hey was ist los? Was ist passiert?“ Erschrocken kam er auf mich zu und stoppte kurz vor mir abrupt. Anscheinend hatte meine Eisdusche nichts gebracht.

„Nichts…alles gut.“ Auch ich war erschöpft und war anscheinend weder glaubwürdig noch überzeugend. Er schaute mich skeptisch an und deutete dann auf die Hollywoodschaukel.

„Sollen wir uns setzten?“, fragte er zaghaft. Ich nickte und wir gingen rüber und schaukelten eine Zeit lang einfach nur hin und her.

„Also…was ist passiert? War Olivia gemein? …Obwohl, das ist Quatsch…“

Ich seufzte. Anscheinend war ich an diesem Abend dazu verdonnert zu reden.

„Ach, wir haben nur ein Buch gelesen…“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Erstaunt sah er mich an. „Und deswegen musstest du…Was war das denn für ein Buch?“ Er grinste mich frech an.

„Weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab?“ Ich schaute verlegen nach unten.

„Ah…und das war traurig?“ Ich bezweifelte, dass er das Buch kannte. „Ne eigentlich ist es ein schönes Buch.“ Jetzt hatte ich ihn eindeutig verwirrt.

„Und warum musstest du dann…?“ Meine Güte. Er war ja genauso hartnäckig wie Olivia. Warum gab er sich nicht, wie jeder normale Mensch mit einem ‚Alles gut.‘ zufrieden?

„Hmm…Die Erinnerungen, die mit diesem Buch für mich verbunden sind haben mich halt ein bisschen traurig gemacht…“ Das war patziger heraus gekommen als geplant.

„Verstehe.“ Was verstand er schon? Nichts. Er war doch der geheimnisvolle Sunnyboy, dem die Welt zu Füßen lag. Was verstand er schon vom Leben? Mit einem Mal war ich richtig wütend auf ihn. Oder auf mich selber? Das machte mich noch wütender.

„Achja?“ Ich wollte ihn provozieren, setzte mich auf und schaute ihn herausfordernd an. „Was verstehst du?“ Er stoppte mit seinem Fuß die Schaukel.

„Dass Erinnerungen weh tun können.“ Er schaute mich lange an und mit einem Mal konnte ich seinen Blick deuten. Er war nicht mysteriös oder undurchschaubar. Nein. Seine Augen spiegelten in diesem Moment Schmerz, Verzweiflung, Einsamkeit und Hilflosigkeit wieder. Wie hatte ich nur gerade so vorschnell über ihn urteilen können. Ich konnte diesen Blick nicht länger ertragen. Es war als schaute ich in einen Spiegel, als legten seine Augen meine Seele offen.

Ich stand auf und lief zum Pool. Auf der Wasseroberfläche spiegelt sich ganz leicht der Mond. Mir wurde klar, woher diese Anziehungskraft zwischen uns kam. Wir versuchten beide die gleichen Gefühle zu verbergen. Was hatte er erlebt, durchlebt? Vorsichtig war er hinter mich getreten. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken kitzeln. Auf einmal spülte wieder eine Welle des Schmerzes und der Verzweiflung über mich hinweg. Ich drehte mich um und konnte es in seinen Augen lesen.

„Rette mich, sonst muss ich ertrinken.“ Ich schluckte. Instinktiv machte ich einen Schritt nach vorne und schlang meine Arme um seinen Körper. Ich hielt mich an ihm fest und er sich an mir. Konnte zwei Schiffbrüchige sich gegenseitig retten oder sich eher gegenseitig in den Tod ziehen?

Lange hielt er sie einfach nur im Arm, während sie hemmungslos schluchzte. Wer wen festhielt konnte er nicht mehr sagen, aber es fühlte sich gut an. Als sie sich langsam von ihm löste fühlte er sich irgendwie erleichtert. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie wollte beschützt werden und sie war anders als die anderen Frauen, die nur auf guten Sex aus waren. Er hatte das Gefühl, sie würde ihn verstehen. Sie setzten sich an den Pool und ließen die Beine im lauwarmen Wasser baumeln.

„Mein Mann ist tot und es ist meine Schuld.“ Die Worte kamen ganz ruhig und gefasst. Damit hatte er nicht gerechnet.

Er schluckte. „Meine Mom ist tot und ich bin Schuld.“

Erstaunt und erschrocken schaute sie ihn an. „Echt jetzt?“

Erschrocken über ihre Frage hielt sie sich die Hand vor den Mund. „Sorry…“, murmelte sie.

„Schon gut.“ Er griff ihre Hand und drückte sie leicht. Sie war warm und weich und miniklein. Es war alles gesagt. Keiner stellte weiter Fragen.

Leise öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Sie lag ganz friedlich da und schlief. Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante und schaute der Kleinen eine Zeit lang beim Schlafen zu. Ihr Gesicht wurde von den langen braunen Haaren umrahmt und sie hatte wegen der Wärme die Decke weggestrampelt. Behutsam zog sie die Decke wieder ein wenig nach oben und streichelte ihr liebevoll über das Haar. Sie wollte gerade in Gedanken anfangen das gewohnte Segensgebet zu sprechen, als die Kleine ihre Augen aufschlug und sie mit großen Augen ansah.

„Hey meine Süße. Mommy und Daddy sind wieder zuhause.“ Sie rieb sich verschlafen die Augen und gähnte herzhaft.

„Sollen wir noch zusammen beten?“ Sie nickte.

„Lieber Herr Jesus wir danken dir, dass wir ein weiches Bett zum Schlafen haben und, dass du jede Nacht auf uns aufpasst, wenn wir schlafen. Schenkt du auch Olivia schöne Träume und lass sie morgen gesund und munter wieder aufwachen.“ Sie machte eine kurze Pause und wollte gerade das ‚Amen.‘ anfügen, doch Olivia kam ihr zuvor.

„Und bitte mach lieber Gott, dass Lucy sich wieder mit ihrem Freund verträgt und er ihr wieder sagen kann, wie lieb er sie hat. Amen.“

Sie drehte sich auf die Seite und kuschelte sich unter die Decke. Grace blickte sie verwundert an, sagte aber nichts, sondern gab ihrer Tochter noch einen Kuss auf die Stirn und ging in ihr Schlafzimmer.

Logan lag schon im Bett und las noch in einer Zeitschrift, irgendwas über Ranches. Schnell schlüpfte sie in ihr Nachthemd und kuschelte sich an seine starke Schulter. Eine Weile lag sie einfach nur schweigend neben ihm und ließ den Abend Revue passieren.

Es war wunderschön gewesen. Sie waren gemeinsam in den Sonnenuntergang geritten, hatten viel geredet und gelacht und herumgealbert wie zwei Teenager. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so unbeschwert gefühlt. Zu diesem Zeitpunkt war sie vollkommen glücklich gewesen. Logan hatte Recht gehabt. Lucy war ein Geschenk des Himmels gewesen, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.

Doch nach Olivias Gebet waren ihr wieder Zweifel gekommen. Lucy musste der Kleinen etwas erzählt haben und das beunruhigte sie. Noch immer hatte sie keinen blassen Schimmer, wer Lucy war und woher sie kam. Was hatte sie vor? Als sie hier ankam war sie psychisch ein gebrochener Mensch gewesen. Doch in den letzten Wochen schien sie sich erholt zu haben. War aufgeschlossener und fröhlicher geworden. Der dunkle Schatten vor ihren Augen war seltener geworden. Lucy hatte sich eindeutig zum Positiven verändert.

 

Lucy 1.5.4

Lange hielt er sie einfach nur im Arm, während sie hemmungslos schluchzte. Wer wen festhielt konnte er nicht mehr sagen, aber es fühlte sich gut an. Als sie sich langsam von ihm löste fühlte er sich irgendwie erleichtert. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie wollte beschützt werden und sie war anders als die anderen Frauen, die nur auf guten Sex aus waren. Er hatte das Gefühl, sie würde ihn verstehen. Sie setzten sich an den Pool und ließen die Beine im lauwarmen Wasser baumeln.

„Mein Mann ist tot und es ist meine Schuld.“ Die Worte kamen ganz ruhig und gefasst. Damit hatte er nicht gerechnet.

Er schluckte. „Meine Mom ist tot und ich bin Schuld.“

Erstaunt und erschrocken schaute sie ihn an. „Echt jetzt?“

Erschrocken über ihre Frage hielt sie sich die Hand vor den Mund. „Sorry…“, murmelte sie.

„Schon gut.“ Er griff ihre Hand und drückte sie leicht. Sie war warm und weich und miniklein. Es war alles gesagt. Keiner stellte weiter Fragen.

Lucy 1.5.3

Als ich am Haus ankam hätte ich mich am liebsten geohrfeigt. Was Hatte ich mich nur dabei gedacht Liam zum Essen einzuladen? Es war doch nicht mein Haus und außerdem hatte er eine Freundin! Nur, weil mein Leben in Trümmern lag, musste ich doch nicht auch noch das von anderen zu zerstören. Kleinlaut betrat ich dich Küche.

„Hey ich habe gehört die Reitstunde lief gut? Warum ziehst du denn so ein Gesicht?“, begrüßte Grace mich. Olivia schien ihr schon alles berichtet zu haben.

„Ja alles supi.“ Ich bemühte mich um ein Lächeln. „Du? Ich habe Liam zum Essen eingeladen. Ich dachte, dass wir dann später Olivia ins Bett bringen könnten, damit ihr mal den Abend genießen könnt. Aber das war eine dumme Idee. Es tut mir leid, ich hätte erst Fragen sollen. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht…“ Ich plapperte wie eine Verrückte, bis Grace mich lachend unterbrach.

„Hey, hey. Ist ja gut! Ich finde das ist eine schöne Idee von dir. Dann können Logan und ich heute Abend mal wieder zusammen ausreiten gehen.“ Sie strahlte mich an.

Anscheinend hatte ich mir ganz umsonst Sorgen gemacht. Sie schien von der Idee begeistert zu sein. Erleichtert ließ ich mich auf einen Stuhl fallen.

„Okay dann helfe ich dir jetzt beim Essen machen.“, sagte ich entschieden.

„Wenn ich schon einfach Gäste einlade…Was soll es denn geben?“ Belustigt schaute Grace mich an.

„Was ist denn los?“, fragte ich verwirrt.

„Naja ich habe dich einfach noch nie so viel auf einmal reden gehört.“ Sie lachte.

Hmm.

War das jetzt gut oder schlecht? Nic hatte auch immer behauptet ich würde reden wie ein Wasserfall. Wurde ich etwa langsam wieder die alte Lucy? Mit einem Mal hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich sollte mich nicht so amüsieren, sondern trauern. Aber hätte er es nicht so gewollt, dass ich nochmal neu anfange und wieder glücklich werde?

Grace riss mich aus meinen Gedanken.

„Ich würde sagen du gehst erstmal duschen und dann gucken wir weiter.“

Sie zwinkerte mir zu und ich verschwand nach oben. Ich hatte gelernt ihr nicht zu widersprechen. Auf der einen Seite, weil sie älter war, auf der anderen Seite, weil sie sowieso immer ihren Kopf durchsetzte.

Nach dem Duschen zog ich mir frische Shorts und eine luftige Bluse an, die am Ausschnitt leicht mit Spitze besetzt war. Ausnahmsweise föhnte ich mir die Haare, sodass sie mir in weichen Locken über die Schultern fielen und nicht so wild aussahen wie sonst.

Danach rannte ich schnell die Treppe runter und half Grace und Olivia noch schnell beim Salat schnippeln. Das Essen verlief relativ ruhig. Liam alberte die meiste Zeit mit Olivia herum, Grace und Logan redeten leise miteinander und ich genoss das Gefühl ein klitzekleiner Teil dieser Familie zu sein.

Als wir fertig waren verabschiedeten Grace und Logan sich und machten sich auf zum Stall um die Pferde zu satteln. Olivia, Liam und ich begannen den Tisch abzuräumen, als plötzlich sein Handy klingelte. Als er nachsah, wer ihn anrief verdunkelte seine Miene sich und er ging auf die Terrasse. Ich hörte ihn nur noch sagen: „Hi, was gibt’s?“

Er klang nicht besonders freundlich, eher abweisend aber mit einer Spur von schlechtem Gewissen. Ich beobachtete ihn durch die Terrassentür. Er ging gestresst auf und ab und gestikulierte wild, während er sprach. Olivia sah abwechselnd von mir zu ihm und zog die Nase kraus, als würde sie sagen wollen: „Erwachsene…!“

Ich hob sie auf meinen Arm und meinte: „Komm, ich bring dich ins Bett!“ Sie schlang die Arme um meinen Hals und sah mich flehend an: „Oh bitte Tante Lucy noch nicht! Ich bin noch gar nicht müde…“

Währenddessen gähnte sie ausgiebig und kicherte.

„Jaja…“, erwiderte ich. „Und was war das gerade?“

Wir gingen nach oben. „Aber du musst mir noch was vorlesen. Daddy liest mir immer vor.“

„Alles klar, aber erst gehst du Zähneputzen.“ Sie verzog das Gesicht. „Warum muss man ständig Zähne putzen? Das macht keinen Spaß…“, maulte sie. Ich lachte.

„Damit du, wenn du so alt bist wie dein Opa immer noch ein Steak essen kannst.“ Als sie endlich fertig war schlüpften wir gemeinsam unter ihre Decke und sie gab mir ein Buch.

„Weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab?“, las ich vor und schmunzelte. Das Buch hatte mir meine Mama früher auch vorgelesen. Ich schlug die erste Seite auf und fing an zu lesen.

Als wir an der Stelle „…bis zum Mond und wieder zurück…“ ankamen traten mir die Tränen in die Augen. Ich versuchte sie unauffällig wegzuwischen, doch vor Olivia konnte man einfach nichts verstecken. Sie war so ein aufmerksames sensibles Kind. Ihre Augen wurden ganz groß und kugelig.

„Aber warum weinst du denn? Das ist doch ein schönes Buch.“ Ich schniefte und versuchte zu lächeln. „Das stimmt.“ Sie sah nicht überzeugt aus.

„Aber warum musst du dann weinen? Man weint nur, wenn man traurig ist oder etwas weh tut.“

Schlaues Kind.

„Nun, weißt du, es gab mal jemanden, den ich sehr lieb hatte und der hat auch immer zu mir gesagt ‚Ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück‘ und daran musste ich gerade denken.“

Verwirrt schaute sie mich an. „Aber das ist doch nicht traurig, wenn das jemand zu dir sagt…“

Ohman. Wie sollte ich ihr das nur erklären? Versuchte ich gerade wirklich mit einer vierjährigen über die Liebe, das Leben und den Tod zu reden? Bestimmt keine gute Idee.

„Hmm da hast du Recht. Weißt du ich glaube ich weine, weil ich traurig bin, weil ich weiß, dass diese Person das nie wieder zu mir sagen wird.“ Konnte das ein Kind nachvollziehen? Eher nicht.

„Aber wieso denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“ Puh das wurde immer verworrener.

„Ja…“

„Dann müsst ihr euch wieder vertragen!“, unterbrach mich Olivia stolz. „Das hat Mama gesagt. Wenn man sich streitet muss man ‚Entschuldigung‘ sagen und dann hat man sich wieder lieb.“

Ich merkte, wie ein riesen Kloß in meinem Hals wuchs, der immer größer wurde. Ich schluckte und versuchte tapfer zu nicken. Ich wollte ihr nicht sagen, dass es im Leben manchmal zu spät dafür ist, dass man manchmal Chancen verpasst und, dass Erwachsene einfach zu stolz und zu stur sein können. Sie hatte so einen perfekten kindlichen Glauben an das Gute und Vollkommene. Wie gerne würde ich diesen Glauben wieder haben. Den Glauben, dass wieder alles gut werden würde. Doch ich konnte nicht mehr. Ich nahm sie ganz feste in den Arm und streichelte über ihren Kopf und weinte so leise vor mich hin. Sie kuschelte sich einfach an mich.

„Lieber Gott. Bitte mach, dass Tante Lucy sich wieder mit ihrem Freund verträgt und sie sich wieder lieb haben. Bitte mach, dass sie nicht mehr traurig sein muss. Amen.“

Ein einfaches Kindergebet, doch ich spürte, wie sich etwas Warmes in meiner Brust ausbreitete und der Kloß in meinem Hals langsam verschwand.

„Danke, du bist mein kleiner Engel, weißt du das? Du machst mich froh.“ Zum Abschied gab ich ihr einen Kuss auf die Wange.

„Schlaf gut und träum etwas supermegaelefantastisches!“

Sie kicherte. „Was ist das denn für ein Wort?“

Ich grinste. „Find es heraus.“

Leise schloss ich die Tür und ging nach unten. Im Flur schaute ich in den Spiegel. Na super! Ich sah total verheult aus. Hatte ich mich gerade wirklich an einer vierjährigen ausgeheult? Wie tief konnte man sinken? Ich wusch mir in der Küche das Gesicht mit eiskaltem Wasser, in der Hoffnung, dass die Spuren der Tränen verschwinden würden und ging dann nach draußen auf die Terrasse.

Liam beendete gerade sein Telefonat mit einem gereizten: „Ja bis später.“

Mit wem hatte er so lange telefoniert? Er drehte sich um uns sah ziemlich erschöpft aus.

„Sorry, es sollte nicht…Hey was ist los? Was ist passiert?“ Erschrocken kam er auf mich zu und stoppte kurz vor mir abrupt. Anscheinend hatte meine Eisdusche nichts gebracht.

„Nichts…alles gut.“ Auch ich war erschöpft und war anscheinend weder glaubwürdig noch überzeugend. Er schaute mich skeptisch an und deutete dann auf die Hollywoodschaukel.

„Sollen wir uns setzten?“, fragte er zaghaft. Ich nickte und wir gingen rüber und schaukelten eine Zeit lang einfach nur hin und her.

„Also…was ist passiert? War Olivia gemein? …Obwohl, das ist Quatsch…“

Ich seufzte. Anscheinend war ich an diesem Abend dazu verdonnert zu reden.

„Ach, wir haben nur ein Buch gelesen…“, versuchte ich ihn zu beruhigen.

Erstaunt sah er mich an. „Und deswegen musstest du…Was war das denn für ein Buch?“ Er grinste mich frech an.

„Weißt du eigentlich wie lieb ich dich hab?“ Ich schaute verlegen nach unten.

„Ah…und das war traurig?“ Ich bezweifelte, dass er das Buch kannte. „Ne eigentlich ist es ein schönes Buch.“ Jetzt hatte ich ihn eindeutig verwirrt.

„Und warum musstest du dann…?“ Meine Güte. Er war ja genauso hartnäckig wie Olivia. Warum gab er sich nicht, wie jeder normale Mensch mit einem ‚Alles gut.‘ zufrieden?

„Hmm…Die Erinnerungen, die mit diesem Buch für mich verbunden sind haben mich halt ein bisschen traurig gemacht…“ Das war patziger heraus gekommen als geplant.

„Verstehe.“ Was verstand er schon? Nichts. Er war doch der geheimnisvolle Sunnyboy, dem die Welt zu Füßen lag. Was verstand er schon vom Leben? Mit einem Mal war ich richtig wütend auf ihn. Oder auf mich selber? Das machte mich noch wütender.

„Achja?“ Ich wollte ihn provozieren, setzte mich auf und schaute ihn herausfordernd an. „Was verstehst du?“ Er stoppte mit seinem Fuß die Schaukel.

„Dass Erinnerungen weh tun können.“ Er schaute mich lange an und mit einem Mal konnte ich seinen Blick deuten. Er war nicht mysteriös oder undurchschaubar. Nein. Seine Augen spiegelten in diesem Moment Schmerz, Verzweiflung, Einsamkeit und Hilflosigkeit wieder. Wie hatte ich nur gerade so vorschnell über ihn urteilen können. Ich konnte diesen Blick nicht länger ertragen. Es war als schaute ich in einen Spiegel, als legten seine Augen meine Seele offen.

Ich stand auf und lief zum Pool. Auf der Wasseroberfläche spiegelt sich ganz leicht der Mond. Mir wurde klar, woher diese Anziehungskraft zwischen uns kam. Wir versuchten beide die gleichen Gefühle zu verbergen. Was hatte er erlebt, durchlebt? Vorsichtig war er hinter mich getreten. Ich spürte seinen Atem in meinem Nacken kitzeln. Auf einmal spülte wieder eine Welle des Schmerzes und der Verzweiflung über mich hinweg. Ich drehte mich um und konnte es in seinen Augen lesen.

„Rette mich, sonst muss ich ertrinken.“ Ich schluckte. Instinktiv machte ich einen Schritt nach vorne und schlang meine Arme um seinen Körper. Ich hielt mich an ihm fest und er sich an mir. Konnte zwei Schiffbrüchige sich gegenseitig retten oder sich eher gegenseitig in den Tod ziehen?

Lucy 1.5.1

Da ich Liam in der ganzen nächsten Woche nicht sah fragte ich schließlich Grace nach dem Reiten. Sie sprach mit Logan und der mit einem Cowboy und so kam es, dass ich nächsten Samstag meine erste Reitstunde im Westernsattel hatte. Der Cowboy stellte sich mit „Joe“ vor und war bestimmt schon sechzig Jahre alt. Er trug einen grauen Schnauzbart und zwinkerte die ganze Zeit lustig mit den Augen.

Wir sattelten zusammen eine schwarze Quarter-Horse Stute namens Jody. Joe erzählte die ganze Zeit über lustige Geschichten aus seinen Jahren als Cowboy und ich war froh, dass er mich nicht ausquetschte wie so viele andere Leute.

„So, junge Lady jetzt mal ab aufs Pferdchen mit dir.“, sagte er schließlich als wir draußen im Roundpen angelangt waren. Ich stellte den linken Fuß in den Steigbügel, so wie ich es kannte und schwang mich auf Jodys Rücken. Sie stand ganz still und bewegte sich keinen Zentimeter.

Die meisten Pferde, die ich zuhause geritten war, hatten die schlechte Angewohnheit gehabt schon während des Aufsteigens loszulaufen. Aber anscheinend war Jody besser erzogen, oder ihr war es einfach zu warm.

Am Gatter entdeckte ich Olivia. Sie schaute durch die Latten und hielt mir den ausgestreckten Daumen hin.

„Super Tante Lucy!“, rief sie und klatschte begeistert in die Hände. Joe zeigte mir noch, wie ich die Zügel richtig hielt, dann gab er dem Pferd einen Klaps auf das Hinterteil und Jody setzte sich gemütlich in Bewegung. Wir drehten ein paar Runden und ich gewöhnte mich langsam an den Westernsattel. Langsam fing ich an zu traben und Joe korrigierte hin und wieder meinen Sitz. Es war ein ungewohntes Gefühl, denn die Steigbügel waren viel länger als beim Dressur- oder gar Springreiten. Aber für den Anfang lief es ganz gut. Ich saß ziemlich gemütlich und sicher in dem breiten Sattel und Jody lief brav vorwärts.

Olivia klatschte Beifall, als ich schließlich mich aus dem Sattel schwang. Plötzlich wurde das Klatschen lauter und kräftiger. Ich drehte mich um und auf einmal stand Liam am Gatter, Olivia war auf seinen Arm gesprungen. Sie kamen zum Ausgang. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Wie immer konnte ich seinen Gesicht nicht entnehmen, was er gerade dachte. War er sauer oder enttäuscht, dass ich nicht mit ihm geritten war oder war es ihm egal? Joe klopfte mir zum Abschied auf die Schulter.

„Hat doch gut geklappt.“, sagte er schmunzelt. „Ich werde Logan sagen, dass man dich auf die Pferde loslassen kann.“ Leiser fügte er hinzu: „Lass dich nicht unterkriegen!“

Dann verschwand er. Zum Gruß lüfteten er und Liam den Hut und nickten einander zu. Langsam ging ich auf den Ausgang zu.

Lucy 1.5

V

Am Sonntagmorgen fuhren wir zur Kirche. Grace und Logan hatten mich am Abend eingeladen sie zu begleiten und Olivia hatte mich geradezu gedrängt. Schließlich hatte ich eingewilligt. Ich war ein wenig nervös. Es war schon eine Zeit her, dass ich das letzte Mal einen Gottesdienst besucht hatte. Außerdem kannte ich niemanden außer natürlich Pfarrer Brown. Neugierig starrten mich alle Besucher an, als wir die Kirche betraten und ich hinter Grace und Logan den Gang entlang lief. Einige Frauen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. Verunsichert blickte ich auf den Boden.

Plötzlich griff eine kleine zarte Hand nach meiner. Ich schaute zur Seite und blickte in Olivias aufmunterndes Gesicht. Für eine vierjährige war sie unglaublich sensibel. Dankbar lächelte ich sie an und wir setzten uns in eine Reihe in der vorderen Hälfte. Ich erinnerte mich an meinen ersten Abend, den ich allein in dieser Kirche verbracht hatte. Unmöglich, dass das erst eine Woche her war. Es kam mir vor, als sein seit dem eine Ewigkeit vergangen. Zu Beginn sang der gemischte Chor, der an jenem Abend geprobt hatte.

„Amazing Grace, how sweet the song, that saved a wretch like me. Ohh, I once was lost, but now I’m found, was blind but now I see…“

Wie auch beim letzten Mal traten mir wieder Tränen in die Augen. Verstohlen wischte ich sie mir aus den Augenwinkeln.

Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren!, sagte ich mir. Von der Predigt bekam ich nicht viel mit. Das Lied ließ mich einfach nicht los. Nach dem Gottesdienst wurde noch Kaffee und Kuchen in einem Nebengebäude angeboten. Ehe ich mich versah, waren Grace und ich von einer Traube neugieriger Frauen umlagert.

„Ah Grace meine Liebe! Wie schön dich zu sehen!“, rief eine kleine etwas mollige Frau im die 50 aus. „Wie ich sehe habt ihr Besuch?! Verwandschaft…?“

Ich wusste nicht was ich erwidern sollte. Ich konnte ihren Durst nach dem neusten Klatsch und Tratsch förmlich spüren und hatte nicht die geringste Lust das Subjekt ihrer Begierde zu sein. Grace kam mir mit einer Antwort zuvor.

„Mrs Baxter! Darf ich vorstellen? Lucy Garcia. Sie unterstützt mich in Haus und Garten, damit ich ein bisschen mehr Freizeit habe und mich mehr der Büroarbeit widmen kann.“ Ich bewunderte sie für ihren gelassenen freundlichen Tonfall.

„Oh dann ist sie eure Angestellte?“, fragte Mrs Baxter mit einem leicht missbilligendem Ton, als wolle sie in Wirklichkeit sagen: „Wie? Du bringst deine Haushälterin mit in die Kirche?!“

Die Frau wurde mir von Sekunde zu Sekunde unsympathischer. Ich bemühte mich jedoch weiter um ein Lächeln, denn ich wollte Grace auf keinen Fall in Verlegenheit bringen.

„Nun, wenn sie es so ausdrücken wollen…“, sprach Grace liebenswürdig weiter. „Aber ich betrachte sie eher als eine gute Freundin. Meine Schwestern leben ja leider alle sehr weit weg, sodass wir alle uns nur selten sehen. Ich finde es ganz nett zwischendurch auch mal mit einer Frau reden zu können. Bei uns ist ja sonst alles eher von Männern geprägt.“

Ich konnte es nicht fassen. Jetzt zwinkerte sie der falschen Schlange sogar noch verschwörerisch zu. Wie machte sie das bloß? Aber anscheinend, hatte sie dadurch die gute Mrs Baxter sichtlich verunsichert und ihr den Wind aus den Segeln genommen. Sie murmelte nur noch etwas von wegen: „Wenn sie meinen…“ und „Ich muss los…“ und weg war sie.

Auf dem Weg zurück zur Ranch hielten wir beim Mexikaner an und nahmen Essen zum Mittag mit. Grace hatte keine Lust zum Kochen und meinte, das man sich zwischendurch ruhig mal was gönnen durfte. Ich war froh, als wir endlich in der kühlen Küche saßen und unsere Burritos und Tacos verdrückten. Beim Essen drehte sich das Gespräch nur um das bevorstehende Rodeo. Ich erfuhr, dass es in Fort Worth stattfinden würde, westlich von Dallas, gute fünfeinhalb Stunden mit dem Auto.

„Und wo werden wir schlafen?“, fragte ich erstaunt. Ich dachte das Rodeo wäre in der Nähe und wir würden einfach jeden Tag hin und zurück fahren.

„In einem Hotel.“, antwortete Logan. „Und die Cowboys, die mitkommen und starten schlafen im Wohnwagen.“

„Das wäre doch wirklich nicht nötig!“, warf Grace ein. „Wir können doch auch gut so wie sonst im Wohnwagen schlafen.“

Logan warf ihr einen strengen Blick zu. „Mit einem kleinen Kind und einer schwangeren Frau? Wohl kaum. Außerdem bräuchten wir dann noch einen dritten für Lucy, oder soll sie mit den ganzen Männern zusammen schlafen?“ Keine schöne Vorstellung.

„Ich schlaf bei Liam!“, verkündete Olivia, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Grace lachte.

„Das hättest du wohl gerne junges Fräulein.“

Sie schaute zu Logan. „Okay du hast ja Recht. Es ist halt nur schwer zu ertragen, dass wir keine zwanzig mehr sind…“ Er grinste sie spitzbübisch an.

„Du wirst die Vorzüge des Hotels nicht missen wollen!“, versicherte er ihr. Ich staunte immer wieder, wie liebevoll die beiden miteinander umgingen, wie frisch verliebte. Niemand würde denken, dass sie schon seit sechs Jahren verheiratet waren. Ich hatte noch nicht einmal mitbekommen, dass die beiden sich ernsthaft gestritten haben…oder sie machten es einfach heimlich. Auf mich wirkten sie wie die perfekte kleine Familie ohne Sorgen und Probleme. Ich dachte immer so etwas würde es nur im Film geben.